Filigrane Knüpfarbeiten

Ein Artikel aus dem Modemagazin NICOLE, Dezember 1982:

ER ZAUBERT MIT KNOTEN - So knüpft Kirti Peter Michel Gürtel und Stirnbänder, sehr farbig, sehr dicht und mit bildhaften Motiven.
Er besuchte uns in der Redaktion, kurz nachdem wir unsere Serie "Kreatives Handarbeiten" mit dem Thema Makramee abgeschlossen hatten - mit Makramee-Arbeiten. Was er mitbrachte, fanden wir so schön und ungewöhnlich, dass wir es Ihnen zeigen möchten. Das Erscheinungsbild seiner geknoteten Gürtel und Stirnbänder (siehe großes Foto) unterscheidet sich stark von konventionellem Makramee: durch Farbgebung, Garn und Knüpfdichte.

                              In Japan fing alles an
Dass er einmal so kunstvolle Makramee-Arbeiten machen würde, hätte sich Kirti Peter Michel vor 12 Jahren nicht träumen lassen.

Das ist die Vorderseite einer Tasche. Sie ist wie alle anderen Arbeiten auch, nur mit Weberknoten und halbem Schlag geknüpft. In der Mitte ein chinesisches Schriftzeichen. Es bedeutet: Das Geheimnisvolle.
Damals begann er ein Studium mit Anglistik und Geschichte, um Lehrer zu werden. Er fand das allerdings unbefriedigend und brach 1972 nach Indien auf, zunächst ohne festes Ziel. Haupttriebfeder war sein Interesse an fernöstlicher Philosophie. In Poona begegnete er Bhagwan, blieb acht Monate und kehrte nach Deutschland zurück. Acht Monate später reiste er für weitere eineinhalb Jahre nach Indien und studierte Yoga. Die Rückreise nach Deutschland führte ihn über Japan.
In Tokio lebte Kirti P. Michel  (seine Freunde kennen ihn unter dem Namen Swami Anand Kirti) eine Zeitlang in einem Zen-Kloster. Hier lernte er Leute kennen, die mit Makramee-Arbeiten, die sie auf der Straße verkauften, etwas Geld  verdienten. Er schloss sich der Gruppe an. Ihm bot sich hier die Möglichkeit, seine erschöpfte Reisekasse aufzufüllen. Doch bald merkte er, dass ihn das Knüpfen faszinierte. Er begann, eigene Ideen zu entwickeln, sann auf Verfeinerungen.
Erläutern wir den Aufwand einmal an Hand des Gürtels auf Seite 80/81 (drittes Stück von unten). Daran hat er 120 Stunden ge-knüpft. Eine besondere Raffinesse sind an beiden Enden die gezackten, ineinander ver-schlungenen Streifen.
Wir fragten Kirti P. Michel, ob er auch bereit sei, Arbeiten zu verkaufen. Er ist es. Allerdings will er beispielsweise den Gürtel nicht für weniger als 1200 Mark abgeben. Das ist sehr viel Geld für einen Gürtel, aber wiederum nicht zuviel, wenn man an den daraus resultierenden Stundenlohn denkt. K. P. Michel nimmt von Liebhabern seiner Kunst auch Aufträge entgegen. Die müssen allerdings, wie er selbst, Geduld haben. Einige Zeit muss er auch noch darauf verwenden, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als Lehrer, wie ganz früher geplant - aber mit Yoga.