Reiki oder der Versuch,
dem Unnennbaren einen Namen zu geben

Einführung
Mitte der achtziger Jahre, als viele meiner Freunde und Bekannte sich "öffnen" ließen und zu "Reiki-Kanälen" wurden, hoffte ich, allen euphorischen Berichten zufolge, daß es doch etwas geben könnte, was die Schmerzen der Selbsterkenntnis wie durch Magie aufheben wird. Neugierig geworden ließ ich mich in kurzen Abständen mehrmals mit Reiki behandeln. Was ich spürte, war eine wohlige Entspannung wie nach einer guten Massage - sehr angenehm, aber nichts Aufsehenerregendes, über das ich in Begeisterung ausgebrochen wäre.
Und damit war auf Jahre hin eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit diesem Heilungsweg bis auf weiteres hinausgeschoben. Damals interessierten mich andere Methoden wie TM, Yoga, Therapiegruppen, Osho-Meditationen, EST-Training, Zikhr in einem Sufi-Orden und stille Sitzmeditationen im Zenkloster. In langjähriger Arbeit als Yogalehrer und Gesundheitspädagoge wurde mir die innige Erfahrung von Entspannung und das aufmerksame Erspüren von Energieströmen auch auf diese Weise sehr vertraut.
Den zu Beginn der neunziger Jahre einsetzenden Reiki-Boom mit den unerhörten Preisen für die höheren Einweihungsgrade sah ich als nicht ernstzunehmende Zeiterscheinung des New Age an. Ich hätte auch weiterhin an meinem Bild festgehalten, dass Reiki nur eine Sache von Geschäftemachern ist, wenn nicht ein Freund und Weggefährte auf dem Pfad der Meditation selbst Reiki-Lehrer geworden wäre. Meine Vorbehalte richteten sich ja nicht so sehr gegen eine Sache, die ich gar nicht wirklich kannte, sondern bezogen sich auf das gängige Image, das einem aus allen spirituellen Magazinen mehr oder weniger aufdringlich entgegenlächelte. Allzu oft schien mir die Werbung mehr dem Selbstzweck zu dienen als dem selbstlosen Angebot der Heilung. Es war mir auch nicht verständlich, wie auf einmal so viele mir bekannte Personen plötzlich zu "Reiki-Meistern" wurden, die offenbar die gleichen Probleme hatten wie du und ich. Was sollte ich von Lehrern halten, die daran arbeiteten, ihr "Selbst" hervorzukehren, statt - im buddhistischen wie auch im urchristlichen Sinne - "selbst-loser" zu sein?
Als ich erfuhr, dass das Auflegen der Hände beim Reiki einen intensiv fühlenden Kontakt mit anderen Menschen herstellt, durch den überpersönliche Energie fließen kann, war mein Interesse geweckt. Ich sah hier einen Weg der sanften Auflösung von Ich-Grenzen - auf unmittelbar wirksame Weise leer und ein unpersönlicher Kanal für die universellen Kräfte zu werden. Der Wunsch, "Heiler" zu sein, hatte für mich keine Bedeutung - vielmehr war ich fasziniert von den Möglichkeiten, Herz und Geist zu öffnen und den Rahmen menschlicher Interaktionsmöglichkeiten zu erweitern. Mit anderen Worten: In einer  Reiki-Behandlung "Gottes Willen" konkret zu erfahren - nicht über ein abstraktes, frömmelndes Glaubensbild, sondern als unbegreifliche Erfahrung von Unmittelbarkeit, von Gegenwart. Doch dazu hätte ich nicht erst auf "Reiki" warten müssen, denn in den alten und neueren spirituellen Traditionen gibt es genügend Methoden, die die innige Verbindung zur universellen Lebensenergie herstellen können. Allerdings ist eine Reiki-Behandlung hervorragend geeignet, einen günstigen Rahmen zu schaffen, um nonverbal einen direkten, intimen Kontakt mit einer zumeist fremden Person herzustellen. Die Berührung in einer Reiki-Behandlung ist intim, jedoch unpersönlich. Dabei kommt ein Energieaustausch zustande, in dem Behandelnde(r) und Emp-fänger(in) sich nach kurzer Zeit selbst vergessen und sich vorübergehend im Strömen der Energien als getrennte Wesen auflösen können - jeder im Bereich seiner Möglichkeiten. So ist Reiki eine Form direkter, selbstloser Liebe durch Berühren und gleichzeitig eine tiefe Erfahrung des "Entwerdens" im Sinne eines buddhistischen Meditationsverständnisses.