Einführung zur Neuauflage des "Schweifenden Blickes"
Im Sommer 1994 erschien „Der Schweifende Blick – die unfehlbare Weise, die Magie des Gewöhnlichen zu erkennen“ im Martial-Arts–Verlag als erstes Buch in der Serie „Abenteuer und Gedankenspiele“. Für den Autodidakten war es ein Kompliment und für den angehenden Autor sehr ermutigend, dass man sich um die Herausgabe des Manuskripts bemühte, noch bevor es vollendet war.
Als ich begann, das Erleben des „Schweifenden Blickes“ und die durch ihn angeregte Vision zu beschreiben, befand ich mich in einem rauschhaften Zustand, in dem ich keinen Abstand zu den Ereignissen hatte. Sowohl dem Verstehen, was mir damals widerfuhr, als auch der Form des sprachlichen Ausdrucks mangelte es an Reife, um die Bedeutung meiner Entdeckung angemessen übermitteln zu können. Der erneute Versuch, aus einem zeitlichen Abstand heraus das Erlebte zu schildern, könnte sich etwas von der subjektiven Qualität des Unmittelbaren entfernen, aber der Kern der Erkenntnis ist unverändert geblieben, und die Übung hat nichts von ihrer zeitlosen Gültigkeit verloren. Weshalb das so ist, wirst du beim Lesen dieses Buches und dem Experimentieren mit der beschriebenen Methode erfahren.
Unsere Wahrnehmung einer beliebigen Situation geschieht in der Regel aus einem begrenzten Blickwinkel heraus wie durch ein mehr oder weniger geöffnetes Objektiv einer Kamera. Im Laufe der Zeit umkreisen wir die Erfahrung und betrachten sie aus anderen Perspektiven. Der Schatz an gesammelten Informationen wird dichter und facettenreicher. Während die aufgezeichneten Bilder einer Kamera unbestechlich den eingefangenen Augenblick widerspiegeln, ist die Qualität der Sinneseindrücke dagegen nicht gleichbleibend klar und präzise – die Wahrnehmung des Gesehenen fluktuiert.
Neben der Einengung des Fokus unserer Betrachtung findet auch noch eine psychologische Verfärbung statt, da Hoffnungen, Ängste, Vorlieben und Abneigungen die Sinneseindrücke nach subjektiven Kriterien auswählen. Wir erkennen, dass es viele Einflüsse gibt, die das gelöste, unbefangene nicht-anhaftende Schauen und somit eine unmittelbare Sicht behindern können. Dies soll in diesem Buch eingehender beschrieben werden.
Die Übung des „Schweifenden Blicks“ hat sich als ausgesprochen wirksam erwiesen, die Erscheinungen jedes Momentes mit frischen, unschuldigen Augen zu sehen. Wie schon angedeutet, schauen wir nicht direkt, was ist, sondern wir betrachten die Dinge durch die getönte Brille der Erinnerung. Wenn wir uns daher der Schau des reinen Seins, noch vor der Verfremdung durch unsere Mentalität, annähern wollen, ist es notwendig, „die Welt auf neue Weise sehen zu lernen“. Dies soll der Leitgedanke und der Titel dieses Buches sein.

Vorahnung des Erwachens
Die stete Bemühung, den Blick in ungebrochener Weise kreisen zu lassen, leitet ohne Anstrengung – ohne Zielgerichtetheit – über in einen paradoxen Zustand, der durch nichts „erlangt“ werden kann – in das Handeln, ohne dass dort „jemand“ ist, der irgend etwas tut….. Ganz von selbst geschieht das, wonach sich wohl jeder Mensch im Innersten sehnt – nämlich: ….. die Welt mit anderen, mit magischen Augen zu sehen, so wie sie sich in ihrer unendlichen Vielschichtigkeit offenbaren kann.
Während eines einmonatigen Urlaubs 1985 in Portugal geriet ich in einen Zustand, von dem ich immer nur geträumt hatte: Satori – ein Gipfelerlebnis des Erwachens. War das möglicherweise der Anfang einer tatsächlichen „Erleuchtung“? Vom fortwährenden Strom des Denkens befreit, fühlte ich mich leicht und losgelöst, als schwebte ich in einem Raum ohne Begrenzungen….. Es war da die einfache Erkenntnis, dass es nichts anderes wahrzunehmen gibt als diesen AUGENBLICK. Die Ausschließlichkeit des Momentanen, das Fehlen jeglicher Alternativen in der Zeit, brachte das Empfinden eines ekstatisch entrückten, stillen Staunens zum Vorschein.
Das Wesen dieses Erlebens lässt sich, wie es viele andere schon betont haben, nicht beschreiben, da mir alle vertrauten Anschauungen und Ideen, die ich bis dahin über mich selbst und die Welt gehegt und gepflegt hatte, abhanden gekommen waren. Die durchdringende Klarheit jenes „inhaltlosen“ Fühlens und die wahrgenommene Welt waren wie aus einem Guss. Man konnte nicht aus dem Moment heraustreten, um ihn objektiv zu betrachten. Und gerade der Versuch, aus der mysteriösen Erfahrung Sinn zu machen, führte schließlich dazu, dass sich das „Erwachen“ wieder verflüchtigte. Zurück blieb jedoch eine Erinnerung, die mich weitertrieb, danach zu suchen.
Ebenso überraschend wie beim ersten Mal – acht Jahre zuvor – gelangte ich während eines Sommerurlaubs in eine nicht alltägliche Ausdehnung der Wahrnehmung, die einige Tage anhielt. Und wie mir im nachhinein auffiel, waren die gleichen Umstände wie bei der ersten Begegnung mit dem Unbekannten zugegen: eine Urlaubssituation ohne einengenden Zeitplan, viel Muße und Besinnlichkeit, eine die Aufmerksamkeit anregende, fremde Umgebung und überdies die Freude am Experimentieren mit einer ausgesprochen einfachen Übung – dem nicht-anhaftenden Sehen.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, was das auslösende Moment war, dass ich anfing, den Kopf extrem langsam im Raume zu bewegen und ohne Bewertung zu schauen, was in meinem Blickfeld auftauchte….. Es war plötzlich ein gesteigertes Interesse da, mit der zufälligen Wahrnehmung der Augen zu spielen, wie es Kinder häufig tun, wenn sie völlig im Betrachten der unmittelbaren Erscheinungen – einer Blume, einer Ameise, einem Goldfisch, einem Wolkengebirge – aufgehen, frei von der Bürde des Wissens der Erwachsenen. Mich durchströmte ein nie gekanntes Glücksgefühl, und es bestand kein Zweifel daran, dass das fortwährende, absichtslose Umherwandern des Blickes – vom Moment des Aufstehens am Morgen bis zum Schließen der Augen am Abend – diesen Zustand auslöste und aufrechterhielt. Ich fühlte mich so leicht und berauscht, als hätte ich ein euphorisierendes Mittel eingenommen.
Da waren Körperempfindungen, die bestätigten, dass dieser Organismus existierte, und gleichzeitig erlebte ich das Gefühl, „Niemand“ zu sein – ein Vakuum. Der Körper schien die Leichtigkeit einer Wolke und der Geist die Weite des blauen Himmels zu besitzen. Losgelöst von meiner vertrauten Selbstbespiegelung sah ich alles um mich herum ohne die gewohnte interpretierende Bewertung. Es existierte kein „Gut“ und kein „Schlecht“, es gab keine Höhen und keine Tiefen – alles war bedeutungslos und gleichzeitig doch so bedeutungsvoll! Das Paradox des Sowohl-Als-Auch und des Weder-Noch erschien als der innerste Kern einer jeden Erfahrung: Die Menschen und die Umgebung waren mir fremd und vertraut zugleich: So konnte sich die Tapete an der Wand, die Kaffeetasse vor mir auf dem Tisch oder meine Hände im Spülwasser in etwas ganz Besonderes verwandeln.
Jedes Objekt in meinem Gesichtskreis trat auf eigene, unverwechselbare Weise hervor und leuchtete in einem milden Glanz aus sich selbst heraus mit einer Kraft, die den Betrachter auf wundersame Weise nährte. Ich war mir sicher, dass das Ausrichten des Bewusstseinsfokus von einem Objekt der Wahrnehmung zum nächsten und das konsequente Weitergehen der Aufmerksamkeit, das ich später mit der Bezeichnung „Schweifender Blick“ umschrieb, unausweichlich in eine leuchtende Klarheit münden würde, …in einen mystischen Zustand, der leicht, durchscheinend und frei ist – frei von dem üblichen Bezogensein auf ein „Ich“!
Es war nicht zu übersehen, dass das fortgesetzte Bewerten und Kommentieren des Verstandes während der Zeit der Übung wirkungsvoll unterbrochen wurde. Und diese anhaltende „Funkstille im Innern des Kopfes“ erlebte ich als die größte Wohltat. Von da an existierte nur noch eine einzige Frage: „Wie kann ich diesen fließenden Moment des reinen Sehens künftig ausdehnen, um ihn ununterbrochen werden zu lassen?“ Um beständig im HIER und JETZT zu sein, gibt es eine einzige Voraussetzung: Der Impuls eines stetig wandernden Blickes müsste so tief verinnerlicht werden, dass die fließende Wahrnehmung nicht mehr stagnieren und an ihren Objekten festhalten kann. Oft habe ich mich gefragt, warum die meisten Menschen das nicht sehen können, wo es doch so offensichtlich ist?  

Die „Urahnin“ des Schweifenden Blicks
Ich muss dabei an Douglas E. Harding denken, der in seinem Buch „Zen – die Wiederentdeckung des Offensichtlichen“  eine ähnliche Erfahrung beschrieben hat, die von einer Übung handelt, die er die „Ohne-Kopf-Übung“ nennt.
Als ich zwischen 1972 und 1981 in Indien lebte, um Yoga zu studieren, saß ich häufig in kleinen Straßencafes und praktizierte, wann immer ich Zeit und Muße hatte, die „Ohne-Kopf-Übung“, die „Urahnin“ des Schweifenden Blickes. Dabei war ich von der verblüffend einfachen Einsicht fasziniert, dass dort, wo alle Menschen einen Kopf auf ihren Schultern tragen, für mich selbst – von innen nach außen gesehen – nur ein ovales Fenster der Wahrnehmung existierte. Man muß sich das einmal klarmachen, dass man sein eigenes Gesicht niemals anschauen kann, so wie man seine Arme und Beine betrachtet! Ohne das Medium eines Spiegels oder einer Photographie weiß kein Mensch, wie sein Gesicht aussieht. Unglaublich, aber wahr – wir können alle anderen sehen, aber nicht uns selbst! In Wirklichkeit existiert nur ein leerer Gesichtskreis, in dem die Welt des Unmittelbaren erscheint und deren Antlitz sich in kontinuierlich fließender Weise verändert.
Obwohl die Erfahrungen mit der „Ohne-Kopf-Übung“ und dem „Schweifenden Blick“ so beeindruckend sind, dass sie einen regelrechten „Durst“, eine Sehnsucht danach, auslösen können, ist es erstaunlich, wie schnell ein außerordentlich freier und erfüllter Zustand im täglichen Einerlei wieder in Vergessenheit geraten kann! Wohin ist die Entschlossenheit gegangen, die Augen zu öffnen und in der Unmittelbarkeit der fließenden Wahrnehmung zu verweilen? Aber im Nachhinein wird es verständlich, wie aufgrund der Trägheit der menschlichen Natur ein Zurückfallen in gewohnte Muster der Wahrnehmung stattfinden kann. Wir sollten uns jedoch nicht entmutigen lassen, denn das Geheimnisvolle des Daseins ist jederzeit offensichtlich, sobald man bereit ist, es zu erkennen!
Wenn du genau jetzt beginnst, den Blick schweifen zu lassen, erkennst du, … dass es niemals etwas anderes zu sehen gibt als das, was von Moment zu Moment in Erscheinung tritt! Sobald der Verstand anfängt, über diese simple Wahrheit nachzudenken, ist das sehende Erkennen unterbrochen, und der Zweifel übernimmt die Herrschaft. Es ist nicht leicht, aus dem Labyrinth des Denkens auszubrechen und mit dem Sehen fortzufahren, denn wenn du nicht genügend Energie besitzt, wie willst du den Entschluss konsequent umsetzen!?
Daher ist es sogar sinnvoll, sich das Praktizieren der Übung regelrecht „vom Kopf her“ vorzunehmen, damit es „zur zweiten Natur“ wird. Die Gewohnheit des unbewussten Schauens wird allmählich durch die Gewohnheit des bewussten Sehens ausgetauscht. Dann kann die Freude am Üben die Regie übernehmen.
Die spiegelgleiche Wahrnehmung in ungebrochener Weise zuzulassen, ist von einer kritischen Energiemasse abhängig, die durch das regelmäßige Üben entsteht. Es ist vergleichbar mit dem Siedepunkt, an dem Wasser zu kochen beginnt und verdampft.

Das Nicht-Tun des Sehens
Vor einigen Jahren stieß ich auf die Lehren des Don Juan Matus, die von einer „anderen Art des Sehens“ handeln. In seinem Buch „Der Ring der Kraft“ beschreibt Carlos Castaneda, wie ihn Don Juan eine machtvolle Übung zum „Anhalten des inneren Dialogs“ und zum „Nicht-Tun des Sehens“ lehrte. Diese gründet auf einer ununterbrochenen Bewegung des unfokussierten Abtastens der Umgebung mit den Augen (Scannen). Besonders in den Beschreibungen, die das Sehen betreffen, fiel mir sofort die weitgehende Übereinstimmung mit meinen eigenen ersten Seherfahrungen auf. Wenn ich auch nicht in gänzlich andersgeartete Erfahrungswelten, wie sie von Castaneda beschrieben wurden, übergewechselt bin, so wurde mir doch die Dimension des Unbekannten, die keinerlei gewohnte Orientierungspunkte mehr aufweist, durch die Übung sehr vertraut.
Der Begriff der „persönlichen Kraft“ bot mir zunächst eine gute Erklärung dafür, warum es häufig so schwierig zu sein scheint, den Schweifenden Blick konsequent auszuführen. So sagt Don Juan an einer Stelle: „ ….. Alles was wir tun, alles was wir sind, beruht auf unserer persönlichen Kraft. Haben wir davon genug, so mag ein uns zugeflüstertes Wort genügen, um die Richtung unseres Lebens zu verändern. Haben wir aber nicht genügend persönliche Kraft, kann uns das prächtigste Wissen offenbart werden, und diese Offenbarung wird nicht das Geringste bewirken.“
Es ist also mit Sicherheit ein großes Maß an Energie oder Beharrlichkeit erforderlich, denn ohne sie wird keine wesentliche Wandlung in der Fähigkeit des Wahrnehmens und keine entscheidende Änderung unserer Lebensgewohnheiten einsetzen können. Somit ist die Übung des Schweifenden Blickes durchaus mit einem kostbaren Juwel zu vergleichen, das der Alltagssicht des Menschen, der die Dinge mit oberflächlicher Neugier oder Geringschätzung betrachtet, grundsätzlich verborgen bleiben muss. Nur die Entschlossenheit, diese Übung zu praktizieren, und der tief empfundene Wunsch, eine Kontinuität des Gewahrseins mitten im alltäglichen Leben zu entwickeln, können die eingefahrene Trägheit überwinden.
 Ich wünsche mir, mit der Darstellung dieser Übung dazu beizutragen, einen einfachen Zugang zu den weitgehend unausgeschöpften Möglichkeiten der visuellen Wahrnehmung zu finden und durch die Praxis des losgelösten Schauens die Wunder des unmittelbaren Sehens - frei von den eingrenzenden Interpretationen des Denkens - im Blicklosen Blick zu erleben.