FAQ
Häufig gestellte Fragen zum Thema YOGA

Worin unterscheiden sich die verschiedenen Yogawege?
Die vielfältigen Bezeichnungen für Methoden des Yoga können den Eindruck entstehen lassen, es gebe verschiedene Yoga-Arten. So taucht bisweilen die Frage auf: Wodurch unterscheiden sich die speziellen Richtungen, die sich Râja Yoga, Kundalini Yoga, Hatha Yoga, Marma Yoga, Laya Yoga, Kriya Yoga, Samâdhi Yoga, Yantra Yoga, Karma Yoga, Bhakti Yoga oder Jnâna Yoga etc. nennen?
Boris Sacharow (ein Schüler des berühmten indischen Yogi Swami Shivananda), der Mitte des 20. Jahrhunderts eines der Basiswerke des Yoga, die Gherânda Sâmhita, übersetzt hat, äußerte in einem Kapitel über „Die Arten des Yoga“ eine treffende Kritik:
"Von Tag zu Tag schießen neue Yogapilze aus dem durch üppige Phantasie übersättigten Boden der Orientalistik, und es werden solche neuen Namen zutage gefördert wie Sâttva Yoga, Buddhi Yoga, Purna Yoga usw. usw. als ob die klassischen Yogaarten - wie man die ersten fünf zu nennen pflegt (nämlich Karma, Bhakti, Hatha, Râja und Jnâna) - nicht vollauf genügt hätten!"
Er spricht in diesem Zusammenhang von "überflüssigen Auswüchsen", vergleichbar mit der unnötigen Aufzählung von diversen Städten als Antwort auf die Frage nach den fünf Kontinenten. Wie schon erwähnt, bedeutet Yoga soviel wie vereinigen. Im eigentlichen Sinne kann es daher nur einen Yoga geben. Wer allzu viel Wert auf Unterscheidungen legt, scheint den Wellen an der Oberfläche des Ozeans mehr Bedeutung beizumessen als dem Ozean selbst.
Das angestrebte Ziel der Yoga-Praxis ist es, Körper und Geist zu harmonisieren. Zu diesem Zweck gibt es unterschiedliche Herangehensweisen, die sich den individuellen Neigungen und Tendenzen von spirituell Suchenden entsprechend herausgebildet haben. Während die eine Tradition vom Körper ausgehend die Tätigkeit des Geistes regulieren möchte, legen andere Wege mehr Wert darauf, dass der Geist sich den Körper "anjocht", d.h. sich den Körper gefügiger macht.
Hatha Yoga und Yantra Yoga (tibetische Form des Hatha Yoga) sind Wege, die den Körper zum Ausgangspunkt der spirituell-geistigen Verwirklichung machen. Auch Marma Yoga (ayurvedisch orientierte Form mit Schwerpunkt der psychosozialen Gesundheitsbildung) und Kundalini Yoga (bekannt geworden als Übungspraxis der Sikhs) gehören der Familie des körperorientierten Yoga an. Darüber hinaus ist Kundalini Yoga ein traditioneller Begriff, der den besonderen Einsatz von Hatha-Yoga-Praktiken bezeichnet, um die Kundalini, die geheimnisvolle Schlangenkraft, zu erwecken. (Nach Aussagen erfahrener Yogis schlummert diese Kraft wie eine zusammengerollte Schlange an der Basis der Wirbelsäule. Angeregt durch Körper- und Atemübungen steigt sie über den feinstofflichen Nervenkanal im Zentrum des Rückenmarks nach oben. Die Kundalini-Energie aktiviert schrittweise die Chakras, die Kraftzentren des feinstofflichen Körpers.)
Die Yogasysteme Jnana Yoga, Bhakti Yoga, Karma Yoga und Laya Yoga verstehen sich als geistige Disziplinen. Inwieweit dabei der Körper einbezogen oder vernachlässigt wird, hängt letztlich davon ab, welche Einstellung der Suchende zum Körperlichen hat. Es kann sowohl bei den geistorientierten als auch bei den körperorientierten Richtungen Überbetonungen geben, die dem ursprünglichen Geist einer vereinigenden Sichtweise des Yoga zuwiderlaufen.

Was bedeutet Hatha Yoga und Râja Yoga?
Hatha Yoga wird im allgemeinen mit der dritten und vierten Stufe - Körperhaltung (Âsana) und Atemlenkung (Pranayama) - des achtgliedrigen Pfades des Râja Yoga nach Patânjali in Verbindung gebracht. Daraus ist die irrige Vorstellung entstanden, es handele sich nur um eine Art "Körperyoga". Tatsächlich sind Râja Yoga und Hatha Yoga als Wege nicht voneinander zu trennen. Die Verfeinerung der körperlichen Praktiken und der Atemlenkung geht auf den Gründer der größten und bekanntesten tantrischen Yogagemeinschaft des Mittelalters, Gorakshanâtha, zurück. In seiner geistigen Tradition wird die Vervollkommnung des Körpers nicht von der seelisch-geistigen Konzentration losgelöst. Hatha Yoga ist daher immer schon ein integraler Bestandteil des Râja Yoga gewesen. Prof. J.W. Hauer sagt in dem Zusammenhang, dass die "heute im Westen so viel verwendete Unterscheidung (zwischen Hatha- und Râja-Yoga) eine späte Neuprägung ist, die erst im späten Mittelalter auftaucht".
Jede hierarchisch ausgerichtete Betrachtungsweise, die den Körper als "primitiv" und "niedrig" ansieht, führt zu einer überheblichen Geisteshaltung, die den Fehleinschätzungen des dualistischen Denkens unterliegt. Tatsächlich gibt es nur einen ursprünglichen Yoga.
"Jene, die sich dem Yoga auf intellektuelle Weise nähern, sagen, der Râja Yoga sei spirituell und Hatha Yoga bloß körperlich. Das ist ein gewaltiges Missverständnis. Da alle Wege zur Quelle führen, bringt auch Hatha Yoga den Menschen zum Anblick der Seele. (.....) wenn das Bewusstsein und der Körper miteinander vereint werden, wird die Energie des Bewusstseins still. Und wenn die Energie des Bewusstseins still ist, dann schweigt auch das Bewusstsein, und die Seele durchströmt den ganzen Körper. (.....) Das ist der Höhepunkt des Hatha Yoga. Der Text (Hatha-Yoga-Pradipika) sagt uns, Hatha Yoga sei die Vereinigung des Geistes mit der Seele. Râja Yoga ist ebenfalls die Vereinigung des Geistes mit der Seele, also besteht kein Unterschied zwischen den beiden. Yoga ist eins.“, sagt B.K.S. Iyengar, in seinem Buch: „Der Baum des Yoga - Yoga Vriksha".

HATHA - der Symbolismus von Sonne und Mond
Die Bezeichnung Hatha (zusammengesetzt aus den Silben Ha und Tha) beinhaltet eine grundlegende Polarität und bezeichnet das Ziel der Yoga-Praxis - die Vereinigung von Gegensätzen, die in Wirklichkeit Komplementäre sind.
HA  bedeutet SONNE                     
Ha steht symbolisch für die männliche, aktive Kraft. Mit Sonne assoziieren wir die Tagseite des Lebens - das Licht, die Wärme, die Aktivität. Der Wirkungsbereich der Sonne ist das Tagesbewusstsein, aber auch die rationale, verstandesmäßige Auseinandersetzung mit dem Leben. Hier sind die Sprache und die Logik von Bedeutung.
THA  bedeutet MOND                    
Durch den Mond wird die weibliche, besinnliche Kraft, die Intuition, symbolisiert. Tha steht für die Nachtseite des Lebens - das Zwielicht, die Kühle, die Passivität und die Regeneration. Der Mond scheint in der Nacht und regiert das Erleben des Unterbewussten. Es ist der Bereich der Träume und der Emotionen.

Jeder Mensch - ob Mann oder Frau - trägt beide Anteile in sich, und die Vollendung des menschlichen Potentials ist darauf angewiesen, dass beide Seiten in einem ausgewogenen Verhältnis gestärkt werden. Der Ausgleich dieser Energien wird durch Körperübungen und Atemregulierung angestrebt. Im Idealfall bedeutet dies die Integration der beiden Körper- und Gehirnhälften, deren Funktionen sich zum einen auf die aktive, analytische, sprachbezogene, willentliche und rationale und zum anderen auf die gefühlsmäßige intuitive, bildhaft-imaginative und musisch-kreative Seite beziehen. Durch die harmonische Verschmelzung der vielseitigen Veranlagungen des Menschen wird schließlich die Entfaltung einer größeren Bewusstseinsfülle möglich. Das ist das Grundmodell des Yoga.