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 zu philosophischen Konzepten des HATHA YOGA
 Was bedeutet „Achtsamkeit“ ?
Das Wort Achtsamkeit fordert eine Wachheit, die etwas Behutsames, Sorgsames in sich trägt. „Achtung! Hab acht!“ ist darin wie eine Bitte enthalten: „Sei wach, sorgfältig, genau, präzise!“
Mangelnde Achtsamkeit birgt nicht nur ein erhöhtes Risiko, Fehler
zu machen, zu stolpern, anzuecken, sich selbst und anderen zu
schaden oder zu verletzen, sondern verhindert, dass reine
Sinneswahrnehmung jemals ihrer innewohnenden Erfüllung gewahr
wird.
Achtlosigkeit verringert die Lebensqualität. Achtsamkeit hingegen
beinhaltet das Wissen, dass jeder Augenblick des Lebens kostbar
ist, und mahnt, Achtung vor dem Leben zu haben! Der japanische
Zen-Meister Dogen (13.Jh.) wies auf die Kostbarkeit der Zeit hin
und wie schwer es gewöhnlich ist, sich dessen bewusst zu sein:
„.... Mit dem Vorübergehen jedes Moments erleben wir die
ununterbrochene Handlung von Existieren und Nicht-Existieren. In
der Zeit, die ein durchschnittlicher Mensch mittleren Alters
benötigt, mit seinen Fingern zu schnippen, vergehen 65 solcher
Momente, und im Zeitraum von 24 Stunden gar 6.400.099.980.“
In der Abwesenheit von Achtsamkeit werden alle Bewegungen und
Handlungen zu etwas Mechanisch-Reflexhaftem. Achtsamkeit gibt dem Automatismus und der unbewussten Routine keinen Raum.
Achtsamkeit ist der nährende Urgrund, von dem aus Liebe wachsen
und sich ausbreiten kann.
Achtsamkeit ist ein weiter, großzügiger Raum, ein Licht, in
dessen Helligkeit die eigene Person und die ganze Welt erstrahlen
können. Achtsamkeit ermöglicht, die Dinge zu erkennen als das,
was sie wirklich sind.
Achtsamkeit ist ein stetes Bemühen, es will immer wieder von
neuem geübt werden. Denn erst die Vollendung der Achtsamkeit
stellt sicher, dass das volle Potential eines jeden Augenblicks
gelebt werden kann.
Wäre ich achtsam,            …. würde ich nicht stolpern.
                              könnte ich mich nicht verletzen.
                 würde ich nichts tun, was mir
                                                 oder anderen schadet.
Achtsamkeit erkennt die Grenzen und Möglichkeiten unserer
Bewegungs- und Handlungsfähigkeit. Sie zeigt Respekt für die
naturgegebenen Begrenzungen, doch sie schätzt auch die
Möglichkeiten realistisch ein, inwieweit wir uns jenseits der
Begrenzungen ausdehnen können.
Wäre ich achtsam, würde ich erkennen, dass das Jetzt, das aus
zahllosen achtsamen Momenten hervorgegangen ist, die beste aller
Möglichkeiten ist.

 Was bedeutet „Zufriedenheit“?
Zufriedenheit ist mehr als nur ein flüchtiger Moment der
Befriedigung. Die Erfüllung und der tiefe Frieden, die im Wort
„Zufriedenheit“ mitschwingen, können nicht abhängig sein von
peripheren Erscheinungen in einer sich ständig wandelnden Welt.
Konsumgüter können mir vorübergehende Momente der Befriedigung schenken, doch sobald sie nach Wiederholung rufen und mehr und mehr fordern („I can´t get no satisfaction“), erweisen sie sich langfristig als Störenfriede. Zufriedenheit kommt also aus dem wissend-fühlenden Kontakt mit einer Ebene, die nichts mit äußeren Bedingungen zu tun hat.
Zufriedenheit ist wie der weite, grenzenlos blaue Himmel, den
keine Wolkenwand stören oder zerstören kann. Zufriedenheit ist
die Stille zwischen und hinter den Gedanken.
Zufriedenheit bedeutet „in sich zu ruhen“, in der eigenen Mitte
zu sein.
Es ist wiederum die Achtsamkeit für die unmittelbare Zeit und den
Raum und für jedes einzelne Ding, ohne Bezug auf die
Vergangenheit oder die Zukunft.

 Was bedeutet „Gewaltlosigkeit“?
Wir müssen zuerst verstehen, was Gewalt ist, um den Drang, Gewalt auszuüben, loslassen zu können. Die Sprache selbst schon gibt Aufschluss darüber, wie viele Bedeutungen im Wort „Gewalt“
mitschwingen und wie komplex das Thema ist: Wir sprechen von
„Naturgewalten“. In der Natur „waltet Gott“. Die reine Natur ist
im positivsten Sinne gewaltig. Erst wenn sich der Mensch der
Natur, die ein Ausdruck von Gottes Willen ist, entgegenstellt,
bekommt „Gewalt“ eine negative Färbung, denn er maßt sich etwas
an, was weit über seine naturgegebenen Grenzen hinausgeht.
Gewaltlosigkeit ist also ursprünglich der Verzicht auf ein
Verhalten, das sich gegen die natürliche Ordnung stellt.
Gewaltsames Verhalten entwickelt sich zunächst einmal ganz
unscheinbar – da ist eine versteckte, gegen die eigene Natur
gerichtete Aggressivität – die Unzufriedenheit: „Ich will anders
sein, als ich bin.“
Da sind Wertvorstellungen und Idealbilder, und in dem Maße, wie
sie nicht mehr im Einklang mit der eigenen Natur sind, fängt der
Mensch an, sich selbst umzuformen, sich zu unterdrücken, sich
Gewalt anzutun. Später entwickelt sich daraus das Reglementieren
der anderen, sie langfristig in einen Glauben, in eine
Weltanschauung, in ein Gesellschaftssystem hineinzwängen zu
wollen.
Der Begriff „Hatha“ im Hatha Yoga wird oft mit „gewaltsam“ und
„Yoga“ mit „unter ein Joch zwingen“ übersetzt. Das ist eines der
größten Missverständnisse, denn Yoga ist gewaltlos. Alleine schon
der Begriff „Asana“ – Haltung – wird von Patanjali in seinen
Yoga-Sutren als „stabile, aber gelöste Haltung“ beschrieben. Die
Disziplin des Yoga ist eine sehr sanfte Zügelung oder Bemühung.
Gewaltlosigkeit beginnt zuallererst mit der eigenen Person. Es
erfordert zunächst einmal, die eigene Natur zu erkennen. Nicht
von einer Idee auszugehen: „Ich will, dass es so oder so ist!“,
sondern vielmehr zu fragen: „Wie bin ich eigentlich beschaffen?
Was ist meine Konstitution? Was ist der innerste Wunsch meines
Herzens? Wer bin ich?“
Die fragende, nicht-wissende, nicht-intellektuelle Haltung, die
aus der Intelligenz des Herzens stammt, ist die Basis der
Gewaltlosigkeit.

 Was bedeutet „Nicht-Horten“?
Nichts anzusammeln, nichts anzuhäufen, was über ein gesundes Maß an Vorsorge für das eigene Wohl und dem der Gemeinschaft hinausgeht. Das rechte Maß ist natürlich eine Ermessensfrage, die nur vor dem Hintergrund der Achtsamkeit  adäquat beantwortet werden kann.
Mehr als das natürliche, gesunde Maß zu horten, entspringt der Angst vor Mangel und dem Mangel an Vertrauen in die Güte der Existenz.
Ein Neugeborenes weiß nichts von Mangelzuständen, denn es wird unter normalen Umständen bestens versorgt. Wo dies gewährleistet ist, entsteht das Urvertrauen, immer genährt zu werden. Nicht-Horten ist dann die ganz natürlich gewachsene Lebensstimmung. Der Drang, Dinge, Gegenstände, Gedanken, Erinnerungen etc. zu sammeln, festzuhalten und anzuhäufen, weist auf eine Störung des Urvertrauens in den Sinn und die erhaltende Kraft des Lebens im allgemeinen hin.

 Was bedeutet „Selbstbeschränkung“?
Mit dem Begriff des „Selbst“ ist in diesem Zusammenhang nicht das „innerste Selbst“ oder „wahre Selbst“ gemeint, sondern das kleine, selbstbezogene „ich“, das die Entfaltung des wirklichen Potentials begrenzt. Das Paradoxe ist, dass „Selbstbeschränkung“ in diesem Sinne die menschlichen Möglichkeiten erweitert. Dabei geht es darum, die makellose Reinheit des ursprünglichen Selbst zum Vorschein zu bringen, indem die kleinlich selbstbezogenen Tendenzen der Gier, der Habsucht, der Ausschweifung, der Arroganz, der Eifersucht eingeschränkt werden.

 Was bedeutet „Ehrlichkeit“?
Wenn dich jemand auffordert: „Sei ehrlich!“, so appelliert er an dein Ehrgefühl – ein ursprüngliches Wissen, was echt, authentisch und wahrhaftig ist – die ursprüngliche Bedeutung von Gewissen. Ehrlichkeit beinhaltet nicht nur, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu sagen. Im Yoga bedeutet „die Wahrheit zu sagen“, nicht über das zu sprechen, was außerhalb der eigenen Wahrnehmung liegt, nicht über Wissen aus zweiter Hand zu berichten, nicht unüberprüft Informationen zu übernehmen und weiterzugeben.
Es bedeutet ferner, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen, denn du könntest zwar von deiner Ehrlichkeit und der Wahrheit deiner Behauptungen überzeugt sein, aber wenn deine eigene Wahrnehmung verzerrt ist, weil deine Sinne nicht richtig funktionieren, weil dein Geist von Selbstmitleid vernebelt ist oder du einem verdrehten Weltbild anhängst, dann ist es nicht die Wahrheit.
Rückhaltlose Selbstüberprüfung und die eigene Wahrnehmung und die Beweggründe zu hinterfragen, ist eine notwendige Grundlage für wirkliche Ehrlichkeit.

 Was bedeutet „Nicht-Stehlen“ ?
Sich nichts aneignen, was nicht dein Eigentum ist, seien es Sachen, Dinge, Wertgegenstände oder auch etwas, was einem anderen Menschen seelisch-geistig eigentümlich ist. Das bedeutet, dass ich nicht das Image oder den Lifestyle von anderen nachahmen und als mein Eigenes ausgeben sollte. Es gilt also zu ergründen, was „mein Eigenes“ ist.

 Was bedeutet „innere und äußere Reinheit“ ?
Hier taucht – wie in allen Dingen – wieder der rote Faden der „Achtsamkeit“ oder „Aufmerksamkeit“ und des Wissens um „das Natürliche“ auf: Aufmerksamkeit ist rein wie die Natur. Sie ist im Fluss und reinigt sich immer wieder selbst. Bezogen auf die Außenwelt lässt Achtsamkeit die Ansammlung von Schmutz einfach offenbar werden. Es ist ein wacher, wahrnehmender Raum wie der weite Himmel, der alle Dinge und die Unreinheit im Kontrast zur natürlichen Reinheit in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit rückt.
Das Gleiche trifft zu auf den Innenraum, der ursprünglich still ist. So erscheint die Identifiziertheit mit dem Nebel der Gedanken vor dem Hintergrund des makellos reinen, leuchtenden Bewusstseins als eine Verunreinigung. Wo Aufmerksamkeit herrscht, bedarf es keiner Regeln und Gebote mehr, um zu erkennen, was angemessen ist, um wirkliche Reinheit wieder herzustellen.

 Was bedeutet „Selbstdisziplin“?
Ebenso wie „Reinheit“ einem wachen, klaren Bewusstsein immer schon zugänglich ist, ist auch „Disziplin“ die natürliche Ausdrucksform des wahren Selbst. Das SELBST ist schon verwirklicht, doch das kleine, selbstbezogene „ich“ bedarf der Disziplinierung. Letztenendes ist die bewusste Hinwendung, das aufmerksame Beobachten aller Phänomene in der Innenwelt und der Außenwelt die wirksamste Form der Selbstdisziplin. Solange allerdings die ungeteilte Aufmerksamkeit noch nicht so weit entwickelt wurde, dass sie zur zweiten Natur geworden ist, sind die Regeln und Gebote des Yoga – Yama und Niyama – notwendige und hilfreiche Richtlinien, um das verborgene Potential zu verwirklichen.

 Was bedeutet Selbstreflexion ?
Wenn das Bewusstsein wie ein ruhiger Spiegel ist, dann wird das eigene Selbst in all seinen vielfältigen Facetten, Stimmungen und Phasen reflektiert. Zunächst tritt die eigene Unbewusstheit und die ganze damit verbundene Problematik deutlicher in Erscheinung. Wenn alles Trügerische und Illusionäre erkannt wurde als das, was es ist, kann es sich auflösen. Das ursprüngliche, wahre Selbst leuchtet alsdann im reinen Spiegel des Bewusstseins auf.
Bei einer ständigen Selbstreflexion besteht allerdings die Gefahr, sich immer nur selbst zu bespiegeln und sich an ein begrenztes Selbstbild zu klammern. So heißt es im Zen: „Sich selbst erfahren heißt, sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt, sich selbst wahrnehmen – in allen Dingen.“
Die Selbstreflexion ist nicht als ein ständiges Nachdenken über sich selbst und die Welt gedacht, weil es darin nur zu einer Spaltung zwischen Subjekt und Objekt kommt. Im Yoga lösen sich in der Intensität der Selbstbeobachtung das „Ich“ und „die Anderen“ auf. Nur in diesem Sinne ist Selbstreflexion heilbringend, wenn es dich ins ungeteilte Sein führt.

 Was bedeutet Vertrauen in eine höhere Kraft ?
Vertrauen kann nur entstehen, wenn wenigstens für einige Zeit schon einmal das klare Empfinden einer Verbundenheit mit dem Dasein stattgefunden hat. Die Gewissheit, dass ich als fühlendes Wesen keinen Augenblick getrennt von meiner unmittelbaren Umgebung existieren könnte, kann natürlich zunächst einmal durch logische Überlegungen gefördert werden: Stelle dir vor, alles andere um dich herum löst sich auf, und nur du allein bleibst zurück – wie lange könntest du ohne das Universum überleben?
Doch in Belastungssituationen kann die Klarheit des Denkens durch Zweifel beeinträchtigt werden. Wirkliches Vertrauen entsteht nur durch das Fühlen oder das Gewahrsein der Präsenz einer Kraft, die weit über das gewohnte, begrenzte Maß hinausgeht. Das Vertrauen in eine höhere Kraft – den göttlichen Willen, die unergründliche Absicht des Universums – befreit mich von der Last der Schuld und der Verantwortung. Ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig, wenn ich mir vergegenwärtige, dass das Leben auch ohne meine verhältnismäßig unbedeutenden Handlungen genauso gut weitergeht. Und ich kann mir immer wieder in Erinnerung rufen, wie wundersam es ist, dass ich - von Geburt an vollkommen hilflos – aufgewachsen und ernährt und unterstützt worden bin, und dass das Wenigste davon unter meiner Kontrolle stand.

 Was bedeutet Hingabe ?
Es ist die fühlende Hinwendung zur Unendlichkeit des Lebens, zur Grenzenlosigkeit von Zeit und Raum, zu ALLEM, WAS IST und das Aufgeben des begrenzten persönlichen Blickwinkels. Hingabe zu leben ist deshalb so schwierig, weil es die Erfahrung von Entgrenzung ist, in der die vertrauten Bezugspunkte sich auflösen können. Es hat etwas mit Urvertrauen zu tun.
Hingabe ist nicht die unreflektierte Aufopferung und Unterordnung unter andere persönliche Interessen. In der Liebesbeziehung mit einem Partner bedeutet es nicht: Hingabe an den anderen, sondern Hingabe an das übergeordnete Prinzip der Liebe, das eine „höhere Kraft“ ist. Wahre Hingabe führt nicht in die Abhängigkeit und Begrenzung, sondern in die Befreiung von der Illusion des Selbst.

 Was bedeutet Asana-Praxis ?
Die Idee, dass es ein „ich“ gibt, das praktiziert, kann leicht dazu führen, leistungsorientiert und angespannt zu üben. Das steht der Definition von „Asana“ als ein gelöstes Verweilen in einer stabilen Haltung und dem steten Bemühen im Geiste der Absichtslosigkeit entgegen. Wenn ich den Begriff der „Praxis“ im letzteren Sinne der „Selbstlosigkeit“ verwende, so ist der Ablauf meiner Übungsfolgen fließend und unvorhergesehen. Ich gehe mit der Energie und den Bedürfnissen des Augenblicks mit und erkenne, dass nicht ich Yoga mache, sondern Yoga jeden Moment zu mir kommt: Alles tritt in Erscheinung und Beobachten, Wahrnehmen und Genießen geschieht in einem weiten, offenen Raum. Es gibt eine Definition in den alten Yogaschriften, die besagt, dass eine Asana dann vollendet ist, wenn sie im Bewusstsein der Unendlichkeit geschieht.